Süddeutsche Zeitung, 6./7. September 2003:

Heute zweite Steinsetzung der Zeitpyramide

Wir sehen uns im Jahr 3193!

Wie die Bürger von Wemding Manfred Labers Jahrtausendwerk lieben lernten

Von Martin Zips

Wemding - Dies ist eine kleine Geschichte über die Zeit. Über das Vorher und Nachher, über Dauer und Wandel, über Geburt und Zerfall. "Die Zeit ist eine Uhr ohne Ziffern ", sagt Ernst Bloch. Was für eine furchtbare Vorstellung. Wie dringend braucht der Mensch doch rotierende Zeiger und leuchtende Ziffern. Sie geben seinem Leben Struktur .Vielleicht sogar Sinn. " Wie spät ist es?" -ist eine sehr häufig gestellte Frage. "Wie viele Stunden habe ich noch?" -ist eine viel interessantere Frage.
Vor nunmehr zehn Jahren beschloss der Stadtrat von Wemding ein Kunstwerk. Es wurde zum 1200jährigen Bestehens des Ortes begonnen und soll in weiteren 1200 Jahren, also im Jahr 3193, be- endet sein. Vor Beginn des Projektes kam es zu merkwürdigen Szenen in der 5700-Einwohner-Stadt am Rande des Rieser Meteoritenkraters. Menschen beschimpften sich auf der Straße. Wegen konträrster Meinungen hob man bei der Kunst-Abstimmung den Fraktionszwang im Stadtparlament auf. Eine Frau erschien im Rathaus und fragte sehr ernst, ob man das Projekt nicht, bitte, schon in 30 Jahren zu Ende bringen könne. Allein der Gedanke an die gewaltige Zeitspanne -1200 Jahre-raube ihr nachts den Schlaf.

Hah, Chronos, Kairos
Strikte Ablehnung, zögerlicher Pragmatismus, überzeugte Zustimmung zu dem Werk - so war die Mischung in Wemding damals. Die Befürworter setzten sich schließlich durch, 1993 wurde der erste Stein der Zeitpyramide gesetzt. Nicht aus Marmor, nicht aus Granit, nur aus einfachem Beton. Heute nun wandert Beton-Stein Nummer zwei auf die Hügelkuppe nördlich der Altstadt. Eine Dekade drauf soll der dritte Stein folgen. Und so weiter. Bis die über sieben Meter hohe Pyramide des Künstlers Manfred Laber mit 120 Quadern fertig ist. Wenn sie denn jemals fertig ist.
Was haben die Wemdinger seit der ersten urkundlichen Erwähnung ihres Ortes ("uuemodinga") im Jahr 793 nicht alles erlebt. 1027: Mangold I. gelobt, nach glücklicher Heimkehr aus dem Orient eine Kirche zu Ehren des Heiligen Emmeram zu bauen. 1454: Dr. Johannes Scheyring, später Rektor der Universität Leipzig und Mann auf dem 1000-Mark-Schein, kommt in Wemding zur Welt. 1606: Hexenverfolgungen, 1632: Belagerung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg durch die Schweden. Dann: Besuche von Kaiser Karl VI. und Preußenkönig Friedrich II; (Gedenktafeln vorhanden). Elektrische Straßenbeleuchtung, ein neues Hallenbad, Besuch der Astronauten von Apollo 14, Papst Johannes Paul II. erhebt die Wallfahrtskirche zur Basilika. Schon bei den Schlaglichtern auf die örtliche Historie kann einem ganz schwindlig werden. Und nun soll man ein volles Jahrtausend vorausblicken?
"Wie Wemding im Jahr 3193 aussehen wird?", fragt Künstler Manfred Laber. "Woher soll ich das wissen? Schon wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird kann niemand sagen. Oder hätten sie vor zehn Jahren gedacht, was man heute mit Computer und Internet alles machen kann?" Nein. Das sei die Idee hinter der Pyramide: Wenn man an den 1,2 Meter mal 1,2 Meter mal 1,8 Meter großen Brocken entlang, drunter durch, vielleicht auch oben drüber gehe, so solle man sich Gedanken machen, sagt Laber. Über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Über Hah, den Gott der endlosen Zeit bei den Ägyptern zum Beispiel, über Kairos, den als schönen Jüngling abgebildeten Moment des rechten Augenblicks oder über Chronos, bei den Griechen die erste Ursache bei der Formung der Welt.
Apropos Formung: Bei der Firma Eigner Fertigbau in Nördlingen/Genderkingen rechnet man fest damit, noch in den Jahren 3000ff. Dekadensteine für Labers Zeitpyramide formen zu dürfen. Aus B 45, einem Beton aus Kies und Sand von der Donau, mit Portlandzement aus Harburg bezogen und einer sehr, sehr hohen Festigkeit. 45 Newton pro Quadratmillimeter. Nicht schlecht. "Der Unterbau und die Quader sind so gut gebaut, dass sie die nächsten 1200 Jahre sicher Überleben werden", sagt Roland Schmidt, technischer Direktor der Fertigbaufirma. Jetzt müsse nur auch sein Arbeitgeber so lange durchhalten. "Schon die alten Römer haben beständig betoniert: Und wenn die Wemdinger dort irgendwann einmal eine Autobahn planen, so können sie die einzelnen Teile ja versetzen." Mit einem 40-Tonnen-Autokran ist das kein Thema. Überhaupt kein Thema.
Etwas Moos schmückt den ersten Stein auf der Platte, ein paar Flechten. Kleine Zeichen einer Dekade Trocken und Nass. Die Einwirkung der Naturgewalten auf die Kunst, das interessiert Laber. 200 Kilometer südlich von Barcelona, dort, wo der Ebro ins Meer fließt, arbeitet der medienscheue, in Wemding geborene Künstler die meiste Zeit des Jahres über in einer Finca. Überlässt 700 Arbeiten der freien Natur, um den "destruktiven Abbau" zu beobachten. Wemding hat Laber mit 18 einst verlassen, ist nach Berlin gezogen, dann nach Rom, hat Kunstwerke geschaffen, die europaweit ausgestellt und verkauft werden. "Auch an Wemding hat die Zeit gearbeitet", sagt er. "Aus den einfachen Handwerkern meiner Kindheit sind große, reiche, satte Geschäftsleute geworden." Destruktiver Abbau?

Säulen und Triumphbögen
Reich wird ihn seine Zeitpyramide auf dem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gelände sicher nicht machen. Die Finanzierung aber muss für die nächsten 1190 Jahre gesichert sein, sagt Laber. Schließlich könne man nicht davon aus- gehen, dass die Betonfirma nach den ersten beiden auch alle weiteren Klötze spenden will. Also betreibt Laber mit ein paar projektbegeisterten Wemdingern eine Stiftung für Bau, Dokumentation und Betreuung des klobigen Dingsbums. Ziel sei, dass die Zinserträge über den epochalen Zeitraum die Finanzierung immer neuer Steine möglich machen. Keine Angst: Über 1200 Jahre .hinweg relativiere sich so manch ein schlechter Zins, meint Laber. So wie sich bereits die ein oder andere Kalenderreform wegen politischer, ökonomischer oder religiöser Hintergründe relativiert habe.
"Wegen ihnen muss man sich schämen, dass man in Wemding wohnt", blaffte vor zehn Jahren eine alte Bürgerin den Künstler an. Mittlerweile ist die Mehrzahl der Menschen von Labers utopischem Puzzle begeistert. Nicht nur im Gasthof "Zur Sonne" prosten sich heute Stammtischbrüder zu: "Ich gebe Dir noch einen Stein, mein Lieber! Höchstens zwei." Die Zeit, in denen mit Säulen, Triumphbögen, Standbildern und Ruhmeshallen Helden gedacht wurde - zumindest in der Kleinstadt am Krater scheint sie vorbei zu sein. Hier blickt man - das nüchtern in Beton gegossene Gestern vor Augen - auf Morgen. Die Zukunft kommt in Raten. (Die zweite Steinsetzung des Kunstwerkes: Heute um 15 Uhr auf der Wemdinger "Platte". www.zeitpyramide.de)