Rede auf der Platte in Wemding zur Halbzeit zwischen der zweiten und dritten Steinsetzung von Dr. Christian Demand, Ingolstadt
Samstag, 19. Juli 2008

Über das Vergessen

(Christian Demand)

Ich möchte zunächst der Stiftung Zeitpyramide für die freundliche Einladung zu diesem Vortrag danken. Er findet in diesem Jahr anläßlich der Veranstaltungsreihe "Kunsträume Bayern" statt, in deren Rahmen in diesem Sommer zahlreiche bayerische Gemeinden Kunst im öffentlichen Raum präsentieren und zugleich zur Diskussion darüber einladen. Beides halte ich für gleichermaßen sinnvoll. Das erste deshalb, weil ich finde, daß der öffentliche Raum zu wertvoll ist, um ihn allein als Werbefläche für Konsumgüter, als Stellfläche für Verkehrsschilder, als Vorratsfläche für Parkplätze, als wohlfeile Brach-, Gewerbe-, Freischank- und Lagerfläche oder auch als Experimentierfeld für die Freunde randsteingesäumter Kleinstgrünflächen zu nutzen. Es kann sicher nicht schaden, wenn in diesem urbanen Pandämonium immer wieder einmal die Kunst auftaucht und zwar wohlgemerkt unabhängig von der Frage, ob diese Kunst nun auch wirklich in jedem einzelnen Fall meisterlich gelungen ist oder nicht. Denn anders als im Museum, ihrem natürlichen Habitat, trifft zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum nicht nur auf versierte Kenner und Liebhaber. Die Öffentlichkeit des öffentlichen Raums schließt per definitionem niemanden aus, sie ist also wesentlich unspezifischer als die doch recht homogene Teilöffentlichkeit des Kunstbetriebs und deshalb überschneiden sich hier viel gegensätzlichere und unzusammenhängendere Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen. Neben der eingeschworenen Gemeinde der Kunstfreunde trifft man hier auf Menschen, denen Kunst als solche wenig bedeutet, auf Menschen, die nur bestimmte künstlerische Ausdrucksformen schätzen, Menschen, die gar keine Haltung zu Kunst entwickeln wollen, Menschen, die das meiste, was zeitgenössische Künstler im Angebot haben, als ziemliche Zumutung empfinden und vermutlich noch auf viele weitere unterschiedliche Standpunkte mehr. Im besten Fall ergibt sich aus der Reibung dieser Positionen ein öffentliches Gespräch. Sofern sich dieses Gespräch nicht allein auf ritualisierte Polemik beschränkt, wird dabei idealerweise sowohl die Frage nach der Qualität der jeweiligen Kunst zur Sprache kommen, als auch die meiner Ansicht nach mindestens ebenso interessante Frage nach der angemessenen Nutzung des öffentlichen Raums. Für mich ist das Spannende an einer solchen Diskussion, daß es dabei keine einfachen Antworten gibt. Es geht also nicht darum, seinen Gesprächspartnern die Richtigkeit des eigenen Standpunkts zu beweisen, sondern um Zustimmung bei ihnen zu werben. In der Hoffnung, wenigstens mittelbar zu einem solchen Gespräch anzuregen, habe ich die Einladung gerne angenommen.

Ich will die Diskurshoheit, die ich als Redner heute abend genieße, allerdings nicht dazu mißbrauchen, Ihnen vorzumachen, ich könnte für beide Fragen eine verbindliche Antwort vorlegen. Was die Nutzung des öffentlichen Raums in dieser Gemeinde angeht, bin ich als schlecht informierter Durchreisender ohnehin nicht zuständig. Ob und in welcher Weise hier Diskussionsbedarf besteht, können nur Sie selbst entscheiden. In Sachen Kunst müßte ich mich Kraft meines Amtes eigentlich berufener fühlen. Doch auch da muß ich Sie enttäuschen, wenn Sie auf ein kerniges Expertenvotum gehofft haben sollten. Denn auch wenn alle Welt vom armen Kunsthistoriker derart selbstverständlich ein unfehlbares Urteil erwartet, daß er mitunter selber daran zu glauben beginnt, so möchte ich doch darauf hinweisen, daß zwischen dem Geschäft der Geschichtsschreibung und dem der Kunstkritik ein Unterschied besteht, der, allein schon aus Gründen geistiger Hygiene, eine gewisse, zumindest symbolische Ämtertrennung ratsam erscheinen läßt. Außerdem konnte ich die Zeitpyramide vor dem heutigen Tag nicht selbst in Augenschein nehmen. Und auch wenn diese Arbeit in hohem Maße konzeptuell angelegt ist, hätte ich es doch ziemlich aberwitzig gefunden, vom heimischen Schreibtisch aus so blind wie wohlgemut eine Ferndiagnose abzugeben. Ich will Ihnen aber gern kurz schildern, welche Überlegungen mir durch den Kopf geschossen sind, als ich mich im Internet über dieses Projekt informiert habe, das zweifellos eines der ambitioniertesten und damit zugleich eines der erklärungsbedürftigsten darstellt, die im Rahmen der Aktion Kunsträume Bayern präsentiert werden.

Schon allein der Zeitraum, der nach den Vorgaben des künstlerischen Konzepts zu ihrer endgültigen Fertigstellung nötig wäre, sprengt ja alle Maßstäbe, mit denen auf dem Feld öffentlicher Kulturförderung üblicherweise gemessen wird: Die Frage, ob es in 1200 Jahren überhaupt noch Kunst in dem Sinne gibt, wie wir den Begriff heute verstehen, läßt sich ebenso wenig beantworten wie die Frage, ob der Ort Wemding dann noch etwas mit dem Wemding der Gegenwart zu tun hat. Das spricht an sich weder für noch gegen das Unternehmen. Dennoch muß ich gestehen, daß mich dieser Ewigkeitsanspruch zunächst ein wenig befremdet hat. Ich persönlich habe keine Beziehung zu derart große Zeiträumen. Meine eigene Biographie hat sich nicht nur ungeplant, sondern völlig gegenläufig zu meinen ursprünglichen Vorstellungen entwickelt. Hätte mir jemand 1993, also im Jahr der ersten Wemdinger Steinsetzung prophezeit, daß ich 15 Jahre später einmal als Professor für Kunstgeschichte hier stehen und eine Rede halten würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Damals ging ich noch davon aus, daß ich mein Geld auch weiterhin als Musiker verdienen würde. Ein Jahr später fand ich mich dann ohne Vorwarnung des Schicksals als Hörfunkjournalist wieder. Mein jetziger Beruf ist bereits mein dritter und ich möchte nicht darauf wetten, daß es auch mein letzter sei wird. Vor dem Hintergrund dieses transitorischen Zugs in meinem Leben, ist es vermutlich kein Wunder, daß meine Affinität für langfristige Planungen nicht besonders entwickelt ist. Zugleich aber nötigt mir der Heroismus, der in der Selbstverpflichtung liegt, ein derartiges Projekt durchzuführen, natürlich Respekt ab. Mir selbst würde der Atem sicher bald ausgehen - ich beobachte also mit Interesse, wie Sie das Projekt am Laufen halten.

Ein wenig außerhalb meines Elements habe ich mich auch bei der Lektüre der Reden zur ersten Steinsetzung gefühlt, die im Internet archiviert sind. So kunstvoll sie das Projekt der Zeitpyramide rühmen, so ratlos lassen Sie mich doch über weite Strecken zurück. Weder habe ich verstanden, was ich mir unter dem "Zustand einer Wesenseinheit der Dinge im Dasein" vorstellen soll, noch inwiefern hier eine "monumentale Konstruktion des inneren Gleichgewichtes der Zeit" vorliegt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob "logische Stimmigkeit als Maßstab von Kunst" dienen kann oder was es mit dem "modernen Menschen" im Singular auf sich hat, der von einem der Autoren als der eigentliche Adressat der Zeitpyramide identifiziert wurde. Ich gebe gerne zu, daß dieses Unbehagen nicht unbedingt etwas über die Qualität der Texte, sondern vermutlich mehr über mein eigenes, sehr prosaisches Gemüt aussagt. Aber wie dem auch sei: Es hat mich jedenfalls dazu bewogen, heute abend nicht ebenfalls als Panegyriker aufzutreten, sondern mich an einer wesentlich anspruchsloseren Aufgabe zu versuchen: Ich will über das Vergessen sprechen.

Das scheint auf den ersten Blick kein besonders geeignetes Sujet für öffentliche Einlassungen zu sein. Etwas vergessen zu haben wird im Alltag in der Regel ja nicht etwa als bemerkenswerte Leistung, sondern vielmehr als Störung der rechten Ordnung empfunden, als Riss im Gewebe der sozialen Beziehungen, ein sträflicher Fehler, der bedauerlicherweise bisweilen geschieht, aber eigentlich nicht geschehen sollte, ein Fauxpas, für den man sich zu entschuldigen hat, der einem peinlich sein muß, der einen verlegen machen sollte. Verlegen deshalb, weil Vergesslichkeit normalerweise als Ausdruck mangelnder Anteilnahme, d.h. als Symptom für Lieblosigkeit und Interesselosigkeit gewertet wird. Ich möchte keineswegs abstreiten, daß beides mitunter Hand in Hand gehen kann: Wäre ich beispielsweise heute hier vergebens angereist, weil Sie vergessen hätten, mir mitzuteilen, daß der Termin für diese Veranstaltung kurzfristig verlegt wurde, so wäre ich vermutlich ziemlich angefressen wieder abgereist. Es gibt also ohne Zweifel so etwas wie unrühmliches Vergessen. Ich glaube allerdings, daß das Vergessen auch ein Geschenk sein kann, eine Gabe, ja sogar eine Tugend. Und weil der Segen dieser Tugend in unserer Gesellschaft gemeinhin sehr unterschätzt wird, will ich heute, angesichts eines Kunstwerks, das, wenn ich das Grundanliegen recht verstanden habe, ausdrücklich das Erinnern befördern soll, an die schlichte Einsicht erinnern, daß ein glückliches Leben nicht nur die Fähigkeit voraussetzt, das Vergangene zu memorieren, sondern ebenso sehr, die Fähigkeit - und es ist eine Fähigkeit! -, es gegebenenfalls auch wieder vergessen zu können.

Ich gebe gern zu, daß ein solch dezidiertes Lob des Vergessens ein denkbar schizophrenes Unterfangen für jemanden darstellt, der wie ich sein Geld ausgerechnet als Historiker verdient. Schließlich ist die Historie die Institution, die ausdrücklich dazu da ist, das Vergangene vor dem Vergessen zu bewahren. Herodot aus Halikarnass, mit dem im fünften vorchristlichen Jahrhundert die abendländische Historiographie begann, erklärte in der Vorrede zu seiner Geschichte der Perserkriege, er habe die Ereignisse aufgeschrieben, "damit die Taten der Menschen nicht durch die Zeitläufe vergehen, damit die großen und bewundernswerten Taten nicht ruhmlos vorübergehen, die auf der einen Seite von den Griechen und auf der anderen Seite von den Barbaren an den Tag gelegt wurden". Die Taten vor dem Vergessen zu bewahren bedeutete für Herodot also, von ihnen zu erzählen. Das trifft noch heute den Kern aller Geschichtsschreibung und es gilt für meine Disziplin, die Kunstgeschichte, ebenso wie etwa für die politische oder die Rechtsgeschichte. Zwar interessiert sich die Kunstgeschichte weniger für Texte, als für vielmehr Bilder, Plastiken, Gebäude und Inszenierungen, also Werke und Aktionen, die zunächst ganz ohne Sprache auszukommen scheinen. Doch so sehr man sich auch wünschen würde, daß sie dem Publikum ihren Sinn, ihren Reiz, ihre Schönheit von selbst offenbarten, ohne daß der Historiker ständig dazwischenquatschen muß, so selten ergibt sich diese Situation auch wirklich. In der Regel ist der Bedarf nach Zusatzinformationen über Entstehungsgeschichte, Kontext, Entwicklungslinien, Technisches und Biographisches, sprich: der zur Adaption unseres Wahrnehmungsapparats nötige Erinnerungsaufwand so groß, daß das Hinsehen den weitaus kleinsten Teil der Aufmerksamkeit der an der Betriebsamkeit des Fachs Beteiligten beansprucht. Auch für die Kunsthistorie gilt also: Geschichte gibt es im wesentlichen in Form von Geschichten, Berichten, Erzählungen.

Das Geschichtenerzählen ist nun aber keineswegs die Spezialität einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin. Die Historiker haben es ja nicht etwa erfunden, sie haben lediglich professionalisiert, systematisiert und methodisch verfeinert, was wir alle in unserem Alltag ständig tun. Schließlich betätigt sich jeder von uns unweigerlich als Historiker, sobald er sich und anderen in Form einer Erzählung Rechenschaft darüber zu geben versucht, welche Ereignisse sich in der Vergangenheit zugetragen haben, auch wenn diese Vergangenheit möglicherweise nur für einen sehr eingeschränkten Kreis von Interesse ist. Das gelingt, ob Fachmann oder Laie, das eine Mal besser, das andere mal weniger gut, und da es immer unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wann genau es besser und wann weniger gut gelungen ist, versuchen wir es wieder und wieder und wieder. Wir sind zu dieser unaufhörlichen Erinnerungsarbeit gezwungen, weil das, was wir so wohlgemut optimistisch "die Wirklichkeit" nennen, in Wahrheit ein denkbar unwirklicher Stoff ist. Denn da die Zeit, zumindest die Zeit, die wir an diesem Punkt des Universums kennen, nun einmal unaufhaltsam und unumkehrbar in eine Richtung verläuft, und deshalb alles, was geschieht, kaum daß es geschehen ist, auch schon wieder unwiederbringlich vergangen ist, können wir den Ereignissen nur dadurch Dauer verleihen, daß wir uns an sie erinnern. Andernfalls wären sie zwar geschehen, aber diese Tatsache wäre für uns gänzlich irrelevant. Ich habe vor ein paar Tagen in der Zeitung eine Meldung gelesen, der zufolge einer der beiden ehemaligen Sänger der Pop-Gruppe ABBA unter einer Erkrankung leidet, die sein Gedächtnis so schwer beeinträchtigt, daß er sich über die Geschichte der Band nicht wie ein Augenzeuge, sondern wie ein unbeteiligter Fremder Bericht erstatten lassen muß. Stellen Sie sich vor, wie irritiert Sie wären, würde Ihnen das nur mit ihrem letzten Frühjahrsurlaub geschehen. Der Mann hat eine der größten Karrieren hinter sich, die man im Musikgeschäft haben kann, aber er selbst hat nichts davon. Er kann sich an nichts mehr erinnern, die gesamte Geschichte der Band ist bei ihm gelöscht und für ihn ist es so, als wäre sie nie geschehen.

Das Beispiel zeigt, in welch hohem Maße wir alle eine retrospektive und damit irreale oder genauer gesagt: eine auf den Erfolg im Kampf gegen das Vergessen angewiesene Existenz führen, ob uns das nun paßt oder nicht. Persönliche Erinnerungen spielen bei diesem Kampf eine wichtige, aber keineswegs die wichtigste Rolle. So tragisch es für den armen Mann ist, der seine eigene Lebensgeschichte nur noch aus unpersönlichen Quellen, also Texten, Bildern, Videos und Erzählungen rekonstruieren kann, er kann seine eigene Geschichte doch immerhin in derselben Weise retrospektiv rekonstruieren, in der auch wir seine Geschichte rekonstruieren würden, wenn wir etwa den Auftrag hätten, einen biographischen Artikel über ihn zu verfassen. Unsere Gewißheit darüber, daß diese Geschichte tatsächlich geschehen ist, wird durch die Tatsache, daß wir auf ihn als Augenzeugen verzichten müssen, also nicht geringer. Wir können es uns leisten, seiner Erzählung zu mißtrauen, weil wir dem Erzählen als kollektivem Prozess vertrauen, also den zahllosen Erzählungen, die zusammen ein Netz von Bezugnahmen und Querverweisen ergeben, auf das wir uns erstaunlicherweise sehr häufig verlassen können. Das wenigste, was wir über die Vergangenheit wissen, haben wir schließlich selbst erlebt. Das weitaus meiste geht auf Hörensagen zurück, sprich: auf Geschichten, die über Zeiträume weitergegeben wurden, in denen jegliche persönliche Erinnerungen bedeutungslos geworden sind und die wir, da wir sie nur selten überprüfen können, in vielen Fällen auf Treu und Glauben hinnehmen müssen. Während also der Verlust der persönlichen Erinnerung für den einzelnen tragisch sein mag, wäre der Verlust der Geschichte nicht wieder gutzumachen.

Kein Wunder, daß das Erinnern in unserer Kultur, einer Kultur, die als Schriftkultur in bedeutendem Ausmaß eine Kultur der Archive und der Archivare ist, eine solch ungeheuere Bedeutung einnimmt. Diese besondere Wertschätzung beruht nicht allein auf der Einsicht in die Flüchtigkeit der Zeit, sondern auch auf der Überzeugung, daß das Erinnern nicht den Normalfall sondern die Ausnahme darstellt. Der Normalfall ist das Vergessen. Der Verlust der Information ergibt sich schließlich von selbst, wogegen das Erinnern eine bewußte Anstrengung erfordert. Wir selbst erleben das, wenn wir etwa versuchen, Geschehnisse und Erlebnisse aus unserer eigenen Biographie zu rekonstruieren. Jeder kennt die Mühe, die es kostet, die zahllosen, unterschiedlich soliden, lose zusammenhängenden Fäden der Erinnerung überhaupt in den Griff zu bekommen, von der häufig vergeblichen Mühe ganz zu schweigen, sie wieder zu einem überzeugenden Ganzen zu verweben. Man stellt dabei unweigerlich fest, daß die Erinnerung nicht nur fragmentarisch ist, sondern daß sie sich zugleich ständig verändert. Die Geschichte einer vergangenen Liebe etwa wird nicht nur von den Beteiligten jeweils anders erzählt, schlimmer noch, die Geschichten variieren auch noch, je nachdem aus welcher zeitlichen Distanz und aus welcher neuen Lebenssituation heraus sie von ihnen erzählt werden. Wir haben es also nicht nur mir unterschiedlichen Geschichten, sondern darüberhinaus mit unterschiedlichen Versionen dieser Geschichten zu tun. Ein ganzer Berufsstand von Eheberatern, Familienpsychologen und Paartherapeuten verdankt diesem Umstand seine Existenz. So richtig also die Feststellung ist, daß das Erinnern auf das Medium des Erzählens angewiesen ist, so richtig ist die komplementäre Erkenntnis, daß dieses Medium ein schwer kontrollierbares Eigenleben führt, also keine Gewähr bietet, daß unser Wunsch danach, das Vergangene erinnernd festzuhalten, und zwar wahrheitsgemäß, sprich: in einer einzigen, verbindlichen Erzählung, festzuhalten, auch zum gewünschten Ziel führt.

Eine der ältesten Dichtungen des Abendlandes, Homers monumentales Versepos über die Irrfahrten des Odysseus, beginnt mit den berühmten Versen: "Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat, Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions." Der Sänger, der hier spricht, handelt nur scheinbar naiv, wenn er eine göttliche Instanz anruft, die die Wahrheit der von ihm erzählten Geschichte verbürgen soll. In Wirklichkeit ist damit zweieinhalb Jahrtausende vor unserer Zeit bereits die Einsicht ausgesprochen, daß es sich bei jeder erzählerischen Rekonstruktion der Vergangenheit um ein Zwischending zwischen Dichtung und Wahrheit handelt. Zugleich aber wird auch dem Umstand Rechnung getragen, daß wir auf Gedeih und Verderb auf das Erzählen angewiesen sind, eben weil wir die Vergangenheit nur dadurch lebendig halten können, daß wir sie uns immer wieder möglichst anschaulich vergegenwärtigen.

Schon für die Antike war also klar, daß das Erinnern ein unwahrscheinlicher Zustand ist, ein kostbares, stets gefährdetes Gut, während das Vergessen Dysfunktionalität bedeutet, Desorganisation, Entropie und damit einen Zustand, den es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Platon ging sogar davon aus, daß wir unser Wissen über die Struktur der Wirklichkeit in hohem Maße dem Umstand verdanken, daß wir uns an Einsichten erinnern, die wir vor unserer Geburt gemacht haben. Um so erstaunlicher ist es, daß diese besondere Wertschätzung der Erinnerung bei den Griechen Hand in Hand geht mit der Vorstellung, daß es womöglich noch besser wäre, das Vergangene nicht ständig aufwendig in Erinnerung halten, sondern einfach vergessen zu können. Das zeigt sich besonders plastisch in der zwiespältigen antiken Vorstellung vom Nachleben der Toten. Die Griechen gingen davon aus, daß die normalen Sterblichen nach ihrem Tod von einem Fährmann über die giftigen Wasser des Styx in den Hades übergesetzt würden, wo sie eine endlose, aber im Vergleich zu ihrem irdischen Dasein schattenhafte und erbärmliche Existenz führen. In einer ergreifenden Stelle bei Homer meint der Schatten des Achill zu Odysseus, dem das seltene Kunststück gelungen ist, als Lebender in den Hades einzudringen, er wäre lieber der Tagelöhner eines Kleinbauern als König im gesamten Reich der Schatten. Das ist deshalb so ergreifend, weil eben dieser Achill noch kurz zuvor bei der Belagerung von Troja sein Leben bewußt aufs Spiel gesetzt hat, nur um durch den Ruhm bei der Nachwelt Unsterblichkeit zu erlangen. Offenbar ist der Hades ein Ort, an dem dieser Gedanke eher wenig Trost spendet.

Man kann Achill deshalb nur bedauern, daß ihm trotz seiner bemerkenswerten kriegerischen Leistungen nicht der andere Aufenthaltsort jenseits der irdischen Existenz beschieden ist, das Elysium, das selige Feld, wie der Name übersetzt lautet. Denn eigentlich gehört Achill hierher: Das Elysium ist eine Stätte für Helden und Lieblinge der Götter. Dieser imaginäre Ort im äußersten Westen des Erdkreises bietet seinen Bewohnern die nachhaltige Erfüllung des Traums, von dessen Strahlkraft unsere heutige Touristikindustrie lebt: eine idyllische, rosengeschmückte Natur in ewigem Frühling, ständige Zerstreuungen, Sport, Musik, leibliche Wohlgenüsse. Das Elysischste am Elysium aber ist, neben der gänzlichen Abwesenheit jeder Form von Arbeit, die Abwesenheit jeglicher Erinnerung. Die elysischen Gefilden werden nämlich vom Fluß Lethe eingefaßt, an dessen nektarartigem Wasser jedermann seinen Durst stillen kann. Wer aber aus ihm trinkt, dem geht es so wie dem Sänger, von dem ich vorhin gesprochen habe: Er vergißt all seine Erinnerungen und wird - nein, gerade nicht, wie wir geschichtsbesessenen Archivare denken würden, zur tragischen Gestalt, er erfährt vielmehr die höchste Form des Glücks, die einem nur beschieden sein kann: das Glück einer von Gedanken an die Erblasten der Vergangenheit und zugleich von Sorgen bezüglich der Zukunft unbeschwerten Gegenwart.

Was aber folgt daraus - oder besser: folgt überhaupt etwas daraus? All das, was ich über Wert und Notwendigkeit von Geschichte und Erinnerung angeführt habe, löst sich dadurch ja nicht einfach auf. Wir sind auch weiterhin darauf angewiesen, uns ständig an das Vergangene zu erinnern. Wir können gar nicht anders. Aber gerade weil wir so fest an die Vergangenheit gefesselt sind, kommt es uns manchmal gar nicht mehr in den Sinn, uns auch nur sporadisch aus der Umklammerung zu befreien. Und so graben wir unaufhörlich in den unwegsamsten Gegenden der Welt nach Keramiksplittern. Wir gründen Museum auf Museum, halten Symposium auf Symposium ab, türmen Literaturberg auf Literaturberg, Jubiläumsvortrag auf Jubiläumsvortrag. Wir lassen uns von morgens bis abends von historischen Fernsehdokumentationen umspülen. Wir empfinden jeden auch nur einigermaßen runden Geburts-, Todes-, Jahres- oder Stadtgründungstag als eherne Verpflichtung zu aufwendigen Memorialfeiern. Wir unterwerfen uns Denkmalschutzbestimmungen, durch die wir uns selbst die Gestaltungshoheit über unsere eigenen Städte entziehen. Wir stiften landauf landab Mahnmäler und Denkmäler. Kurz: Wir huldigen der Geschichte als wäre sie eine göttliche Macht, der man ständig Opfer bringen muß.

Als ich zuerst von der Wemdinger Zeitpyramide hörte, dachte ich zunächst, sie sei genau eine solche Form des Selbstopfers, also eine weitere Aktion, mit der Menschen sich ohne Not ans Mühlrad des Erinnerns ketten. Ein Blick in das Lexikon der Baustofflehre hat mich schließlich eines Besseren belehrt. Dort nämlich wird die mittlere Lebenserwartung von Beton im Außenbau mit 70 Jahren angegeben. Das hat mich auf einen Schlag mit der vermeintlichen Unerbittlichkeit des Konzepts versöhnt. Denn so wird noch in diesem Jahrhundert der Zeitpunkt kommen, an dem die abstrakten Anweisungen zum Pyramidenbau und das konkrete Faktum der fortschreitenden Erosion zusammen die interessante Situation ergeben, daß man nicht mehr so genau wissen wird, ob man das ganze Projekt den Anweisungen gemäß weiterführen oder vielleicht doch lieber einfach vergessen sollte. Und da sich die Antwort auf diese Frage keineswegs von selbst versteht, wird es wohl oder übel eine öffentliche Debatte darüber geben, und zwar eine, die, aus denselben Gründen, die ich zu Anfang genannt habe, ausgesprochen spannend werden könnte. Für diese elegante Volte möchte ich dem Künstler hiermit meine Verehrung aussprechen und zugleich anregen, die Diskussion schon heute zu beginnen - schließlich werden die wenigsten von uns sie sonst noch führen können.