Donauwörther Zeitung, 24. Juli 2003:

Mit Gott den Begriff Zeit definieren

Professor Cornelius Mayer hält Vortrag beim Kulturzirkel Wemding - Stiftung gegründet
Wemding (me).
"Wenn mich niemand nach der Bedeutung von Zeit fragt, weiß ich es, will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht". Dieses Zitat des antiken "Zeitspekulanten" Augustinus war zugleich das Resümee von Professor Cornelius Mayer im Rahmen eines Referats zum Thema Zeit. Der Wemdinger Kulturzirkel hatte dazu anlässlich der am 6. September bevorstehenden Setzung des zweiten Dekadensteins der Zeitpyramide ins Cafe Schlecht geladen.

Diese Definition des Augustinus (354- 430) spiegelt auch das gegenwärtig noch vorhandene ambivalente Verhältnis zur Zeit. "Als alltägliches Phänomen scheint sie uns vertraut, fremd und unheimlich, wenn wir aber darüber nachdenken", sagte Mayer vom Würzburger Zentrum für Augustinus-Forschung. Sein philosophisches Nachdenken über das Wesen der Zeit lieferte dem gebannten, wenn auch manchmal -angesichts des übermäßigen Gebrauchs der lateinischen Originalzitate wohl teilweise überforderten Publikum -eine facettenreiche Fülle von teilweise paradoxen Positionen. Augustinus näherte sich der geschilderten Problematik in seinem bekannten und aus elf Büchern bestehenden Werk "Confessiones" durch einen Paradigmenwechsel in der Betrachtung an.
"Er lehnte die naturwissenschaftliche Betrachtung genauso ab wie die Erkenntnis um der Erkenntnis willen und distanzierte sich so deutlich von der Philosophie", betonte der Professor. "In Augustinus' Überlegungen konzentrierte sich alles auf Gott und somit sind Gotteserkenntnis und Gottesliebe die einzigen Ziele, die der Anstrengungen des Geistes wert sind," fügte der Referent an. Mit dieser Aussage kamen zwei zentrale Kategorien des Augustinischen Denkens zum Vorschein. Erstens sah er nur in Gott die Möglichkeit, das Rätsel der Zeit zu lösen, zweitens konnte nur in der Geistseele die Dreiteilung der Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überwunden werden.
Diese eigene Erkenntnis setzte Augustinus auch in seinem Leben um und er machte selbst eine Entwicklung zum bekennenden Christen und Bischof durch. "Wen, wenn nicht dich, mein Gott, sollte ich nach der Zeit fragen?", zitierte Professor Mayer vor den zahlreichen Zuhörern die Augustinische Frage. Nach dem antiken Denker ist somit der Mensch ein Wanderer zwischen Ewigkeit und Zeit, doch im Gegensatz zu Gott sei der Mensch nicht ewig, denn er verändere sich ständig. "Gott verändert sich nicht", so Mayer in seiner Schlussaussage und deshalb könne die Zeit nur daran gemessen werden, was im Geist haften und damit bestehen bleibt.

Heidi Dietrich ist Vorsitzende
Diese Aussage griff Wemdings Bürgermeister Jürgen von Streit in seiner Vorstellung der Idee der Stiftung auf, die sich in Zukunft um die Zeitpyramide von Manfred Laber kümmern soll. "Dadurch soll die Idee in die Zukunft getragen werden und muss angesichts der großen Zeitspanne von 1200 Jahren bis zur Fertigstellung unabhängig von einzelnen Personen sein", so Streit.
Um dies zu gewährleisten wurde von der Stadt ein Vorstand und Beirat installiert, der jeweils für ein Jahrzehnt mit der Pflege und Dokumentation der Zeitpyramide beauftragt wird. Abschließend übergab Jürgen von Streit der Vorsitzenden des Kulturzirkels, Heidi Dietrich, die Urkunde als erste Stiftungsvorsitzende.



Modell der Wemdinger Zeitpyramide im Jahr 3193. Unser Bild zeigt (von links): Künstler Manfred Laber, Klaus Schlecht, Stiftungsvorsitzende Heidi Dietrich, Bürgermeister Jürgen von Streit und Referent Professor Cornelius Mayer.
Bild: Sisulak